Perfekte Saison, perfekter Moment

Es gibt diese Abende im Sport, an denen sich Geschichte nicht leise, sondern mit Wucht schreibt. Mit flackernden Stadionlichtern, schmerzverzerrten Gesichtern, riskanten Entscheidungen und einem einzigen Spielzug, der alles zusammenfasst. Der 20. Januar 2026 im Hard Rock Stadium von Miami war genau so ein Abend. Am Ende stand Indiana ganz oben. Die Hoosiers sind erstmals nationaler Meister im College Football. Und dieser Titel fühlt sich an wie das Ende einer langen, beinahe unglaublichen Reise.
27:21 besiegte Indiana die Miami Hurricanes, ein Spiel, das bis in die Schlussminute offen blieb und doch sinnbildlich für diese Saison war: kontrolliert, mutig, leidensfähig. 16 Spiele, 16 Siege. Perfekt. Und in der Mitte all dessen ein Quarterback, der längst mehr ist als nur ein Spielmacher: Fernando Mendoza.
Der Spielzug für die Ewigkeit

Große Spiele verlangen große Entscheidungen. Neun Minuten vor Schluss, Indiana führte knapp mit 17:14, der Ball lag an der gegnerischen 12-Yard-Linie. 4th & 5. Field Goal? Punter? Curt Cignetti dachte nicht eine Sekunde daran. Der Head Coach ließ die Offense auf dem Feld, ein Statement, ein Vertrauensbeweis, ein Risiko.
Mendoza nahm den Snap. Draw durch die Mitte. Erstes Down sicher? Nein. Der Heisman-Gewinner brach einen Tackle, stemmte sich durch den nächsten Kontakt, sah die Endzone vor sich und entschied sich für den Moment, den Kinder später in Hinterhöfen nachspielen werden. Mit einem Hechtsprung flog er über die Linie. Touchdown. Ekstase.
„Ich würde für mein Team sterben.“
– Fernando Mendoza
Blutverschmierter Arm, aufgeplatzte Lippe, die Miami-Defense hatte ihn den ganzen Abend hart bearbeitet, dreimal zu Boden gebracht, immer wieder getroffen. Doch Mendoza blieb stehen. „Ich musste abheben“, sagte er später. „Ich würde für mein Team sterben.“ Es war keine Pose. Es war eine Beschreibung dessen, was Indiana in dieser Saison ausmachte.
Miami bleibt dran – aber Indiana bleibt cool

Wer dachte, das Spiel sei damit entschieden, kennt College Football nicht. Miami, das im eigenen Stadion spielte, schlug zurück. Carson Beck führte die Hurricanes über das Feld, Malachi Toney vollendete einen Drive mit einem 22-Yard-Touchdown-Pass. Plötzlich stand es nur noch 24:21. Das Stadion lebte, „The U“ glaubte wieder.
Doch Indiana tat das, was Meister tun. Zeit von der Uhr nehmen. Keine Fehler. Kein Heldentum. Kicker Nico Racic erhöhte mit einem 35-Yard-Field-Goal auf 27:21. Mehr brauchte es nicht – zumindest fast.
Miami bekam noch eine letzte Chance. 1:42 Minuten vor Schluss. Alles oder nichts. Beck suchte tief, wollte das Wunder erzwingen. Doch an der eigenen 6-Yard-Linie war Jamari Sharpe zur Stelle. Interception. Ende. Jubel. Helme flogen, Spieler sanken auf die Knie, Tränen mischten sich mit Konfetti.
Curt Cignetti und der unmögliche Auftrag
Dass Indiana heute nationaler Meister ist, hätte vor wenigen Jahren kaum jemand für möglich gehalten. Ein Programm, das über Jahrzehnte für Niederlagen, nicht für Titel stand. 713 Pleiten in über 130 Jahren. Football war in Bloomington immer der kleine Bruder des Basketballs.
Dann kam Curt Cignetti 2024. Keine großen Versprechen, keine lauten Parolen. Stattdessen Struktur, Disziplin, Überzeugung. „Wir sind Risiken eingegangen und haben einen Weg gefunden“, sagte er nach dem Spiel und ließ einen Satz folgen, der sinnbildlich für diesen Triumph steht: „Wir haben die nationale Meisterschaft an der Indiana University gewonnen. Es ist machbar.“
Dieser Titel ist mehr als ein sportlicher Erfolg. Er ist ein kultureller Einschnitt. Passend dazu fällt er auf das 50. Jubiläum der legendären 32:0-Saison unter Basketball-Ikone Bob Knight. Nun hat auch der Football sein eigenes Denkmal.
Rekorde, Geschichte und ein neues College-Football-Zeitalter

Die 16:0-Bilanz der Hoosiers stellt einen Rekord ein, der bis ins Jahr 1894 zurückreicht – Yale hatte ihn damals aufgestellt. Möglich wurde das nur durch das neue, erweiterte Playoff-Format. Indiana nutzte diese Bühne perfekt. Kein Wackler, kein Ausrutscher. Woche für Woche lieferte dieses Team Antworten.
Fernando Mendoza war dabei nicht immer spektakulär, aber immer entscheidend. Auch im Finale zeigte er nicht seinen statistisch besten Tag: 186 Passing Yards bei 16 von 27 Pässen, ein Rushing Touchdown, drei Sacks. Auf der anderen Seite warf Carson Beck für 232 Yards, während Running Back Mark Fletcher Jr. mit 112 Yards und zwei Touchdowns glänzte. Doch Football wird nicht auf dem Datenblatt entschieden, sondern in den Momenten, in denen jemand Verantwortung übernimmt. Und dieser jemand war Mendoza.
Der Blick Richtung NFL
Auf den Tribünen saßen nicht nur Fans. Eine hochrangige Delegation der Las Vegas Raiders verfolgte das Spiel aufmerksam – Owner Mark Davis, General Manager John Spytek, Teilhaber Tom Brady. Alles deutet darauf hin, dass Mendoza im NFL Draft 2026 als erster Pick über die Bühne gehen wird. Sein letzter College-Auftritt war kein Feuerwerk, aber ein Bewerbungsschreiben aus Blut, Mut und Führungsstärke.
Ein Titel, der bleibt

Als der Konfettiregen einsetzte und Indiana den Pokal in die Höhe stemmte, wurde klar: Das hier ist kein Zufallsmeister. Diese Hoosiers haben sich ihren Platz in der Geschichte erarbeitet mit Risiko, mit Leidensfähigkeit und mit einem Quarterback, der im entscheidenden Moment abhob.
Perfekte Saison. Perfekter Moment. Und ein Titel, der weit über Indiana hinaus nachhallen wird.