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Iran bei der WM 2026: Drei Remis, kein Weiterkommen, kein reines Sportereignis

Fazit eines Sport-Politikums
Juni 29, 2026
4 Minuten Lesezeit
Iran bei der WM 2026 – Fazit eines Sport-Politikums. Bild via KI

Drei Spiele, kein einziger Sieg, kein einziges Gegentor in der ersten Halbzeit der Gruppenphase, und am Ende doch draußen.

Iran bei der WM 2026 – Fazit eines Sport-Politikums

Irans WM 2026 lässt sich sportlich in wenigen Zeilen zusammenfassen. Was sie zu einem der ungewöhnlichsten Turnierauftritte dieser Weltmeisterschaft macht, hat mit den Zahlen auf dem Rasen so gut wie nichts zu tun.

Iran bei der WM 2026: Was auf dem Rasen passierte

Das 0:0 gegen Belgien, das 2:2 gegen Neuseeland, das 1:1 gegen Ägypten. Drei Remis, Gruppendritter, ausgeschieden. Laut Spiegel-Reporter Jonas Leppin, der aus Los Angeles und Seattle berichtete, war der gesamte WM-Auftritt „durchwachsen, geprägt von viel Herumgestochere und Ballverlusten“. Der Wille war sichtbar, die spielerische Leichtigkeit nicht.

Die dramatischste Szene des Turniers lieferte Verteidiger Shoja Khalilzadeh in der Nachspielzeit gegen Ägypten. Der 37-Jährige riss sich nach seinem vermeintlichen 2:1 das Trikot vom Leib, Spieler und Betreuer stürzten auf ihn ein. Kurz schien es, als würde Iran erstmals in der Geschichte eine WM-K.o.-Runde erreichen. Dann kam die Abseits-Entscheidung. Der Treffer zählte nicht. Das Spiel endete 1:1, Iran war raus.

Der Fußball, der doch verbindet und stärkere Zeichen setzt als jeder Politiker

Iran mit WM-Botschaft in LA. Bild via Instagram

Der Beitrag von „Sport1News“ zeigt eine handgeschriebene Nachricht, die die iranische Fußballnationalmannschaft nach ihrem zweiten Gruppenspiel der Fußball-WM 2026 in der Kabine des SoFi Stadiums in Los Angeles hinterlassen hat. Der iranische Fußballverband veröffentlichte die Notiz anschließend selbst.

Die Kernaussagen der Botschaft sind:

  • Stolz auf die eigene Herkunft: „Vom alten Persien vor Tausenden von Jahren bis zum zivilisierten Iran von heute.“
  • Würde und Fairness: Das Team schreibt, man sei „mit Stolz gekommen, habe ehrenvoll gespielt und verlasse Los Angeles mit Würde“.
  • Dank: An die Stadt Los Angeles für die Gastfreundschaft sowie an die iranischen Fans, die das Team während der insgesamt 180 Spielminuten unterstützt haben.
  • Friedensappell: Die Notiz endet mit dem Satz: „Mögen Frieden, Respekt und Freundschaft unter allen Nationen herrschen.“

Warum wurde das so stark verbreitet?

Die Botschaft erhielt viel Aufmerksamkeit, weil sie vor dem Hintergrund der angespannten Beziehungen zwischen den USA und dem Iran veröffentlicht wurde. Die USA sind Mitgastgeber der WM 2026, gleichzeitig bestehen politische Spannungen und Reisebeschränkungen für iranische Delegationen. Das iranische Team war deshalb während des Turniers nicht dauerhaft in den USA untergebracht, sondern in Tijuana (Mexiko) stationiert und reiste nur zu den Spielen ein. Trainer und Verband hatten diese Sonderregelungen mehrfach kritisiert.

Was bedeutet der Hashtag #minab?

Auf der Notiz steht neben #168 auch #minab. Das bezieht sich auf die iranische Stadt Minab. In den Tagen vor der Veröffentlichung war Minab durch einen tödlichen Angriff auf eine Mädchenschule in den Nachrichten. Mit dem Hashtag wollte das Team offenbar auf dieses Ereignis aufmerksam machen und den Opfern Solidarität ausdrücken.

Kurz gesagt: Die Notiz ist keine politische Forderung im engeren Sinn, sondern eine symbolische Geste – Dank an den Gastgeber, Ausdruck von Nationalstolz und ein öffentlicher Appell für Frieden, Respekt und Freundschaft trotz der politischen Spannungen.

Die Bedingungen, unter denen gespielt wurde

Nationaltrainer Amir Ghalenoei betonte nach jeder Partie, sein Team stehe bei diesem Turnier unter dem größten Druck aller teilnehmenden Mannschaften. Das war keine Koketterie. Die USA gewährten Iran nur kurzfristige Visa, weshalb die Mannschaft ihre WM-Unterkunft nach Mexiko verlegen musste. Nach jedem Spiel musste das Team sofort wieder ausreisen. Die New York Times berichtete, der Teamphysiotherapeut habe Spieler wegen dieser strengen Abläufe teils erst im Flugzeug behandeln können.

Kapitän Mehdi Taremi nannte es gegenüber der Presse eine

„Katastrophen-Weltmeisterschaft“

und kritisierte die Fifa deutlich. Ghalenoei seinerseits gab an, bei diesem Turnier bislang nur Trainingsplätze, Hotels und Flugzeuge gesehen zu haben. Dass bei dieser Bilanz keine spielerische Leichtigkeit entstehen konnte, war auf dem Rasen abzulesen. Für eine Fußballmannschaft waren es schlicht keine guten Bedingungen.

Gleichzeitig bespielte die Mannschaft eine eigene politische Erzählung. Bei der Ankunft im mexikanischen Tijuana trugen Spieler und Funktionäre goldene Anstecknadeln mit der Zahl „168“, um an die Opfer eines US-Bombenangriffs auf eine iranische Mädchenschule im Februar zu erinnern. Bereits in der WM-Vorbereitung hatte die Mannschaft den Rasen mit Schulranzen betreten, um die verunglückten Kinder symbolisch zu würdigen. Das Regime in Teheran nutzte diese Geste geschickt für die eigene Auslandspropaganda.

Die Zerrissenheit auf den Tribünen

In Los Angeles und Seattle demonstrierten laut Spiegel-Bericht Hunderte Menschen schon Stunden vor dem Anpfiff gegen das Regime in Teheran und forderten den Ausschluss der Nationalelf. Neben vorrevolutionären Löwen-Sonnen-Flaggen erinnerten Banner an die Zehntausenden Todesopfer bei der Niederschlagung von Protesten in der Heimat. Als Demonstranten auf regierungstreue Fans trafen, die mit der offiziellen Staatsflagge erschienen waren, kam es zu heftigen Rangeleien.

Dieser Riss setzte sich auf den Tribünen fort. Tausende iranische Anhänger hatten Unmengen an Geld für Tickets ausgegeben, nicht um ihr Team anzufeuern, sondern um die eigene Nationalelf zu kritisieren. Fans filmten einander dabei, wie sie die Nationalhymne ausbuhen. Ein Ehepaar aus Orange County hielt ein Bild von Rashid Mazaheri in den Händen, dem ehemaligen Nationaltorwart, der nach seiner Kritik am Regime im Januar festgenommen worden war und seitdem als verschwunden gilt.

„Wir können diese Mannschaft hier nicht einfach anfeuern“,

sagte die Frau gegenüber dem Spiegel.

„Sie unterstützen nicht die Menschen im Land und schweigen zu den Spielern, die getötet oder eingesperrt wurden.“

Parsa, ein 29-jähriger Finanzberater, war aus Frankfurt angereist, um Teil dieses Protests zu sein. Als 13-Jähriger nach Deutschland geflohen, stand er nun im US-Stadion und sagte dem Spiegel:

„Eigentlich sollte Fußball verbinden, tut es aber leider nicht. Wenn der Gegner ein Tor schießt, macht mich das traurig für Iran. Aber wenn Iran ein Tor schießt, weine ich noch mehr.“

Und doch gab es jene Fans, die sich gegen die totale Politisierung des Abends stemmten. Ardy, ein 52-jähriger Universitätsmitarbeiter, der 1989 in die USA eingewandert war, saß mit seinem zehnjährigen Sohn auf der Tribüne, die iranische Flagge ins Gesicht gemalt, 900 Dollar für die beiden Tickets bezahlt.

„Ich hoffe, dass es zwischen den beiden Fangruppen hier im Stadion nicht zu Ausschreitungen kommt“,

sagte er dem Spiegel.

„Das wäre ein schlechtes Erlebnis für meinen Sohn.“

Was dieses Ausscheiden bedeutet

Als der Schiedsrichter Khalilzadehs Treffer aberkannte und die Spieler fassungslos auf den Rasen sanken, passierte auf den Tribünen etwas, das dieses Turnier besser zusammenfasst als jede Statistik. Während die regierungstreuen Funktionäre auf der Ehrentribüne die Gesichter in den Händen verbargen, mischte sich laut Spiegel unter den Jubel der ägyptischen Fans ein bitterer, fast erleichterter Applaus aus dem iranischen Block. Menschen, die begriffen, dass mit dem sportlichen Aus auch die Show des Regimes endete.

Ghalenoei sagte nach dem letzten Gruppenspiel, die iranische Mannschaft habe

„die Herzen der Fans weltweit erobert“.

Auf dem Rasen war das eine Übertreibung. Auf den Tribünen war es, je nach Blickwinkel, entweder falsch oder eine bittere Ironie. Iran hat bei dieser WM keine Runde weitergekommen und kein einziges Spiel gewonnen. Was bleibt, ist das Bild einer Mannschaft, die inmitten einer unauflösbaren politischen Instrumentalisierung Fußball spielen sollte, und eines Publikums, das sich nicht einmal einig war, ob es überhaupt wollte, dass sie gewinnen.

Quellen: Der Spiegel

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