29. Juni 2026: Vor dem WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay dreht sich die Debatte im DFB-Kosmos um eine einzige Frage: Steht Joshua Kimmich auf der falschen Position? Und wenn ja, wie konnte das so lange unbemerkt bleiben?
Die Antwort darauf sagt mehr über Julian Nagelsmanns Arbeit als Bundestrainer aus als jedes Ergebnis der Gruppenphase.
Steht Joshua Kimmich auf der falschen Position? Was die Zahlen zeigen
Kimmich führt das DFB-Team nach drei Spielen mit neun Pässen hinter die gegnerische Abwehr an. Das klingt nach einem Argument für seine aktuelle Rolle. Doch die Zahl täuscht.
Laut einem Bericht des Spiegel war es in der ersten Hälfte gegen Ecuador kaum mehr als eine Handvoll Mal, dass Kimmich überhaupt in die Nähe des gegnerischen Strafraums trat. Ein Spieler, der eigentlich für kreative Vorwärtspässe aus der Tiefe bekannt ist, schaltet Schritt für Schritt in einen Risikovermeidungsmodus.
Der Grund liegt nicht allein bei Kimmich. Seine Nebenleute im zentralen Mittelfeld, Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha, schwächeln. Pavlović leistet sich mehr Fehlpässe als beim FC Bayern, Nmecha war laut Spiegel an drei von vier deutschen Gegentoren beteiligt. Jeder Ballverlust im Zentrum zwingt den nicht besonders schnellen Kimmich auf der rechten Seite zur Vorsicht.
Das Ergebnis: Die Mannschaft verliert beides gleichzeitig, Kimmichs Ballsicherheit und seinen Mut nach vorn.
Warum 2024 noch funktionierte, was 2026 bricht
Die Versetzung Kimmichs auf den rechten Abwehrposten ist keine Erfindung dieser WM. Nagelsmann hatte denselben Plan schon bei der Heim-EM 2024 umgesetzt. Damals ging er auf. Der Grund war Toni Kroos, der nach seinem Karriereende ins DFB-Team zurückgekehrt war und gemeinsam mit dem zweikampfstarken Robert Andrich das Zentrum dicht hielt. Kimmich musste keine Konter fürchten, konnte sich kontrolliert einschalten und lieferte zwei Torvorlagen. Dass er falsch aufgestellt sein könnte, war damals kein Thema.
Kroos ist weg. Andrich spielt eine andere Rolle. Das Zentrum, das Kimmich 2024 entlastete, existiert so nicht mehr. Nagelsmann hat das Grundgerüst behalten, aber die tragenden Stützen sind gefallen.
Weltmeister wie Lothar Matthäus, Christoph Kramer und Philipp Lahm fordern nun öffentlich Kimmichs Rückkehr ins zentrale Mittelfeld. Kramer vermisst seine „Chip-Pässe” über die Abwehr, Lahm die „Pässe in die Tiefe”, Matthäus die „Führungsqualität” gegenüber den vielen jungen Spielern im Kader. Alles Qualitäten, die von der rechten Abwehrseite aus nur noch gedämpft zur Geltung kommen.
Warum ein Positionswechsel kein einfacher Schalter ist
Der naheliegende Schluss wäre: Kimmich zurück ins Mittelfeld, Problem gelöst. Nagelsmann selbst deutete auf der Abschlusspressekonferenz vor dem Paraguay-Spiel an, er könne sich
„taktische Anpassungen vorstellen, damit sich Spieler wohler fühlen”.
Doch genau hier liegt der Haken.
Erstens gibt es keine passende Alternative auf der rechten Abwehrseite. Nagelsmann hat bei der Kadernominierung gar keinen klassischen Rechtsverteidiger berufen. Nathaniel Brown ist eigentlich Linksverteidiger, Waldemar Anton Innenverteidiger, Pascal Groß mit 35 Jahren zu langsam für den Außenposten.
Zweitens ist Kimmich auch als Rechtsverteidiger der entscheidende Aufbauspieler. Das DFB-Team wechselt in Ballbesitz zu einer Dreierkette mit Kimmich, Jonathan Tah und Antonio Rüdiger, wobei Kimmich der Motor ist, der den Ball nach vorn trägt. Seit dem verletzungsbedingten Ausfall von Nico Schlotterbeck ist diese Aufgabe noch zentraler geworden. Wer soll das übernehmen?
Ein Positionswechsel wäre damit kein einfacher Tausch, sondern ein Umbau der gesamten Spielstruktur. Nagelsmann hatte zuletzt noch betont, wie wichtig die Eingespieltheit der Mannschaft sei. Deswegen verzichtete er gegen Ecuador auf Rotation. Jetzt würde er genau das gefährden, was er schützen wollte.
Was das über Nagelsmann sagt
Auf der Pressekonferenz sagte der Bundestrainer einen Satz auf Englisch, der viel verrät:
„If you win, everything is perfect. If you lose, everything is shit.”
Sinngemäß auf Deutsch: Beim Sieg ist alles perfekt, bei der Niederlage ist alles schlecht. Das stimmt, und es erklärt, warum die Kimmich-Debatte erst nach dem Ecuador-Spiel laut wurde, obwohl das strukturelle Problem schon länger besteht.
WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay:
Das ist der eigentliche Befund: Die Frage, wo Kimmich spielen sollte, kommt laut Spiegel viele Wochen zu spät. Nagelsmann hat eine Problemzone auf der rechten Abwehrseite schließen wollen und dabei das Zentrum geschwächt. Das war kalkulierbar, solange Kroos da war.
Ohne ihn ist es ein offenes Problem. Ob der Bundestrainer gegen Paraguay korrigiert, ändert daran wenig. Ein Korsett, das über Monate geschnürt wurde, lässt sich nicht in drei Tagen ablegen, ohne dass die Mannschaft ins Taumeln gerät. Nagelsmann sitzt in einer Falle, die er sich selbst gebaut hat.
Quellen: Spiegel
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