Am Samstag saß Rudi Völler vor den Kameras in Winston-Salem und sprach über Florian Wirtz und Jamal Musiala, so wie man über Patienten spricht, denen es bald wieder besser gehen wird.
„Beiden fehlt nicht mehr viel, sie sind nah dran an ihrer Form“,
sagte er. Und dann, auf Wirtz‘ fehlendes Turniertor angesprochen, ein klassischer Völler-Satz:
„Das ist vielleicht ganz gut, dass er noch kein Tor gemacht hat, dann hat er noch die Reserve für die nächsten Spiele.“
Es war freundlich gemeint. Es klang trotzdem wie eine Diagnose.
Paraguay gegen Deutschland: Wirtz und Musiala dabei?
Das Turnier der Stars, das keines für sie ist
Die WM 2026 wird, so lautet eine der großen Erzählungen dieser ersten Runden, von den ganz Großen geprägt. Mbappé, Haaland, Messi, Vinícius Júnior dominieren die Torschützenlisten und die Expertenwertungen des Fachmagazins Kicker.
Wirtz liegt in dessen Spielerranking auf Platz 112, Musiala auf Platz 375. In der Scorer-Liste belegen sie die Ränge 38 und 82. Man muss diese Zahlen nicht überbewerten, aber sie spiegeln ein Unbehagen, das längst die ganze Öffentlichkeit erfasst hat.
Die Daten erzählen zwei unterschiedliche Geschichten. Wirtz kommt bisher auf acht Torschussvorlagen, zwei Assists, 237 Ballkontakte und eine Passquote von 85 Prozent. Musiala steht bei 143 Ballkontakten, vier Torschussvorlagen, null Assists und einer Passquote von 70 Prozent.
Guter Durchschnitt im internationalen Vergleich, wie Peter Ahrens im Spiegel schreibt, aber das ist eben nicht der Anspruch, den die beiden an sich selbst haben. Und der gerechtfertigt an sie gestellt werden darf.
Wirtz und Musiala: Zwei Spieler, zwei Probleme
Bei Musiala ist die Ursache schnell benannt. Die schwere Verletzung vom vergangenen Jahr, als er beim Duell mit PSG-Torwart Gianluigi Donnarumma das Wadenbein brach und das Sprunggelenk schwer in Mitleidenschaft zog, hat Spuren hinterlassen. Mehr als ein halbes Jahr fiel er aus. Die Nachwirkungen sind, wie der Spiegel berichtet, noch immer sichtbar:
Musiala wirkt in den Spielen zurückgenommen, manchmal gehemmt, unfrei. Ecuador ging im Mittelfeld robust in die Zweikämpfe und kaufte ihm, im alten Fußballdeutsch gesprochen, den Schneid ab.
Bundestrainer Julian Nagelsmann wiederholt seit Monaten, Musiala brauche Rhythmus, um zur alten Form zu finden. Das Dilemma ist real: Spielpraxis ist nötig, damit das Selbstvertrauen zurückkommt, aber eine WM ist kein Rehabilitationsprogramm.
Nagelsmann, bekannt dafür, an seiner einmal festgelegten Startelf festzuhalten, hat Musiala dennoch eine Art Stammplatzgarantie gegeben. Er wird auch gegen Paraguay von Beginn an spielen.
Wirtz ist ein anderer Fall. Der Wechsel zum FC Liverpool nach der überragenden Leverkusener Zeit hat ihn in ein neues Umfeld geworfen, in dem er nicht mehr das alles überstrahlende Kronjuwel ist, sondern einer unter Gleichwertigen.
Die Rückrunde lief besser, aber insgesamt war es, wie der Spiegel schreibt, eine Saison, in der viele an ihm zweifelten, vermutlich er selbst auch. Im März, beim 4:3-Sieg gegen die Schweiz, war er noch der überragende Spieler: Torschütze, Vorbereiter, Passgeber. Dieser Wirtz ist im Juni noch nicht wieder da.
„Flo versucht viel“,
sagte Nagelsmann nach dem Ecuador-Spiel, aber das ist ein vergiftetes Lob, wenn es beim Versuch bleibt.
Was die Experten sagen, und was Nagelsmann nicht sagt
Der Chor der Stimmen ist mittlerweile laut. Lothar Matthäus vermisst „Führung“. Philipp Lahm findet, die beiden stünden sich manchmal auf den Füßen. Lukas Podolski sagt, die Spieler mit der eigentlichen Qualität ließen noch zu wünschen übrig. Und Jürgen Klopp, dessen Worte als MagentaTV-Experte bei dieser WM besonders gewichtet werden, formulierte es so, sinngemäß auf Deutsch:
„Wirtz und Musiala waren überall, aber bei jedem Ballverlust war niemand nirgendwo.“
Nagelsmann selbst hat dem Team nach der 2:1-Niederlage gegen Ecuador attestiert, man habe
„zu viel Freestyle“
gespielt und die zuvor besprochenen Positionen zu früh verlassen. Ein Vorwurf, der auch das offensive Mittelfeld trifft. Das Paradoxe daran: Freestyle ist genau die Stärke von Wirtz und Musiala. Aber Freestyle setzt Freiheit voraus. Und frei sind beide hier nicht.
Paraguay, und was danach kommt
Gegen Paraguay im Sechzehntelfinale am Montag, so die einhellige Einschätzung, wird es ein ähnlich körperliches Spiel wie gegen Ecuador. Die Südamerikaner haben ihre Stärken in der Defensive, nicht im Angriff: vier Punkte aus drei Spielen, ein 1:0 gegen die Türkei mit zehn Mann, ein 0:0 gegen Australien.
Ihr Trainer Gustavo Alfaro sagte am Sonntag in Foxborough, man habe im WM-Qualifying gegen Argentinien und Brasilien gewonnen, also warum nicht auch gegen Deutschland. Es ist die Rhetorik eines Teams, das weiß, dass es der Außenseiter ist, und das genau das als Waffe nutzen will.
Für Deutschland fehlt Miguel Almirón nach einer Sperre nicht mehr, dafür ist Diego Gómez nach zwei gelben Karten gesperrt. Innenverteidiger Omar Alderete ist nach einer Verletzung gegen Australien fraglich.
Auf deutscher Seite könnte Nathaniel Brown, der gegen Ecuador verletzt fehlte, für David Raum auf der linken Seite zurückkehren. Rudi Völler zeigte sich gegenüber Reuters hoffnungsvoll, dass Brown, der zu Bayern München wechselt, rechtzeitig fit wird. Antonio Rüdiger und Jonathan Tah bilden das Innenverteidigerpaar, nachdem Nico Schlotterbeck nach dem 7:1 gegen Curaçao ausgefallen ist.
Prognosen sehen Deutschland mit 2:0 vorne, und die Schwäche Paraguays im Angriff reduziert das Risiko eines frühen Ausscheidens. Aber die eigentliche Frage dieser deutschen WM stellt sich nicht gegen Paraguay.
Sie stellt sich danach, wenn Frankreich wartet, mit Mbappé und Dembélé, in einem Spiel, das Wirtz und Musiala nicht mit Mittelmaß überstehen werden. Völler hat es, freundlich wie immer, auf den Punkt gebracht:
„Um eine gute WM hinzulegen, müssen die beiden liefern.“
Bisher haben sie es nicht. Montag ist eine weitere Chance. Und danach wird es keine mehr geben, die so günstig ist.
Quellen: Spiegel, Reuters, Sports Illustrated
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