Du kennst das Gefühl: Du stehst im Studio, machst deine Kniebeugen, und der Typ neben dir zieht jeden Satz durch wie ein Uhrwerk. Langsam runter, kontrolliert hoch. Drei Meter weiter reißt jemand die Stange nach oben, als wäre Feuer ausgebrochen. Wer von beiden hat recht? Die Antwort ist komplizierter als du denkst, aber auch konkreter als die meisten Ratgeber zugeben.
Warum das Tempo überhaupt zählt
Tempo beschreibt, wie schnell du eine Übung ausführst. Konkret: wie lange du für die konzentrische Phase brauchst, also das Anheben des Gewichts, und wie lange für die exzentrische Phase, das kontrollierte Absenken. Lange galt in der Trainingswelt die Faustregel: Je langsamer, desto mehr Muskelwachstum. Aktuelle Studien zeigen, dass das nicht stimmt. Dr. Mike Israetel, Sportwissenschaftler, Bodybuilder und Kopf hinter dem YouTube-Kanal Renaissance Periodization, bestätigt das im Strong Talk mit MH-Fitness-Director Ebenezer Samuel.

Sein Befund ist eindeutig: Wer es mit der Langsamkeit übertreibt, verliert den eigentlichen Wachstumsreiz. „Wenn du dir länger als 5 Sekunden für die konzentrische Phase und länger als 6 Sekunden für die exzentrische Phase nimmst, ist das Gewicht oft so leicht, dass der Wachstumsreiz verloren geht“, sagt Israetel. Zu wenig Gewicht, zu viel Zeit, zu wenig Ergebnis.
Wann langsam tatsächlich die bessere Wahl ist
Das heißt nicht, dass du ab sofort jede Wiederholung im Sprint absolvieren sollst. Israetel macht einen klaren Unterschied: Für Anfänger oder alle, die eine neue Übung lernen, ist ein langsames Tempo Gold wert. Denn es senkt das Verletzungsrisiko auf ein Minimum, besonders in der exzentrischen Phase. „Wenn du langsamer arbeitest, besonders beim Absenken des Gewichts, reduzierst du das Verletzungsrisiko von sehr gering auf praktisch null“, so Israetel. „Und das, ohne Abstriche bei den Ergebnissen zu machen.“
Ebenezer Samuel ergänzt aus seiner Praxis als Trainer: „Der beste Weg, die Technik bei den meisten Kraftübungen zu meistern, ist ein langsames Tempo.“ Die Mind-Muscle-Connection, also das bewusste Spüren des Zielmuskels, baut sich eben leichter auf, wenn du nicht durch die Bewegung rast. Das ist kein Dauerzustand, sondern eine Phase.
So steuerst du dein Tempo gezielt

Sobald die Technik sitzt und du den Zielmuskel zuverlässig spürst, kannst du das Tempo anziehen. Israetel ist hier überraschend pragmatisch: „Eine halbe Sekunde für das Anheben und eine halbe für das Absenken liefert dir in Sachen Muskelaufbau Ergebnisse, die sich kaum von einem langsameren, kontrollierten Tempo unterscheiden.“ Der Unterschied zwischen ultra-langsam und zügig ist bei ausreichend Gewicht und guter Technik kleiner, als die meisten glauben.
Als allgemeine Orientierung empfiehlt Israetel folgende Kombination: kontrolliert und langsam auf dem Weg nach unten, schnell und explosiv auf dem Weg nach oben. In seinen Worten: „Für die meisten Leute, die einfach nur fit werden wollen, ist das eine unschlagbare Kombination.“ Das ist kein Kompromiss, sondern ein durchdachtes Prinzip.
Lernphase: Neue Übung oder unsichere Technik? Nimm dir Zeit. Besonders beim Absenken des Gewichts zählst du bewusst mit, fühlst den Muskel und baust die Form auf. Langsam schützt, langsam lehrt.
Konzentrische Phase beschleunigen: Sobald die Technik sitzt, hebe das Gewicht zügig und mit Absicht. Nicht unkontrolliert, aber mit Nachdruck. Israetel setzt die Grenze bei 5 Sekunden für das Anheben: Alles darüber kostet dich Wachstumsreiz.
Exzentrische Phase kontrollieren: Das Absenken bleibt auch bei erfahrenen Trainierenden kontrolliert, aber nicht quälend langsam. Die 6-Sekunden-Grenze von Israetel gilt auch hier: Darunter bist du im grünen Bereich, darüber verlierst du Effektivität.
Kombination als Zielzustand: Kontrolliert runter, explosiv hoch. Diese Formel funktioniert für Grundübungen wie Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben ebenso wie für Isolationsübungen. Passe das Tempo an dein Niveau an, nicht an das des Trainingspartners neben dir.
Wenn du mit Vorerkrankungen an Gelenken oder Wirbelsäule trainierst, lass dir vor der Umstellung auf ein schnelleres Tempo von einem Physiotherapeuten oder Sportarzt grünes Licht geben. Ein kurzes Gespräch kann dir Wochen verlorenes Training ersparen.
Was du ab jetzt anders machst
Du brauchst kein starres Tempo-Schema, das du für immer befolgst. Was du brauchst, ist ein Prinzip: In der Lernphase arbeitest du langsam und schützt damit Technik und Gelenke. Sobald die Bewegung sitzt, ziehst du das Tempo an und sorgst dafür, dass das Gewicht den eigentlichen Job macht. Der Muskel wächst durch Reiz, nicht durch Zeitlupe. Halte dich an die Grenzen von Israetel, kontrolliere die Abwärtsbewegung, und hebe mit Nachdruck nach oben. Das reicht.
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