26. Juni 2026: Julian Nagelsmann wollte es selbst ansprechen. Noch bevor die Journalisten auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Ecuador ihre Fragen stellen konnten, ergriff der Bundestrainer das Wort. In einem normalen Vorrundenspiel, sagte er,
„hätten wir im Profil anders gewechselt.”
Das war die Einleitung zu einer Erklärung, die mehr Fragen aufwarf als sie beantwortete.
Denn was an diesem Abend in New Jersey passierte, war nicht nur eine 1:2-Niederlage, die sportlich folgenlos bleibt. Es war ein Blick in die Arbeitsweise eines Trainers, dessen Stärken und Schwächen die Fußballwelt seit Jahren diskutiert, ohne zu einer klaren Antwort zu kommen.
Deutschland gegen Paraguay: Nagelsmanns Wechsel-Chaos mit Folgen für das Sechzehntel-Finale
Vier der fünf Einwechselspieler hatten zuvor im Turnier keine einzige Minute gespielt. Nagelsmann nutzte das bedeutungslose Gruppenspiel, um Spielern das Gefühl zu geben, zum Kader zu gehören. Das ist eine legitime Überlegung, und kein Bundestrainer ist frei davon, auf Kaderzusammenheit zu achten.
Was die Wechsel über Nagelsmann verraten
Das Problem liegt woanders: Er nahm Florian Wirtz, seinen aktivsten Spieler an diesem Abend, und Kai Havertz, der sich in Zweikämpfen behauptet hatte, sehr früh vom Feld. Jamal Musiala, der wieder schwächste Offensivspieler, blieb drauf.
Die Eingewechselten Pascal Groß, Maximilian Beier und Malick Thiaw konnten das Niveau nicht halten. Angelo Stiller war dem physischen Spiel des Gegners nicht gewachsen, lag laut dem Bericht der ZEIT oft am Boden, ohne gefoult worden zu sein. Leon Goretzka, der in den vorausgegangenen Spielen eingewechselt worden war, kam gar nicht zum Einsatz.
Ebenso wenig Waldemar Anton, der gegen Curaçao sowie im letzten Testspiel Joshua Kimmich auf Rechts ersetzt hatte. Nadiem Amiri, der beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste die Wende eingeleitet hatte, bekam keine Minute. Das ist kein Zufall und kein Pech. Das ist eine Hierarchie der Ersatzbank, die Nagelsmann offenbar nicht interessiert.
Nagelsmann: Ein Muster, das sich wiederholt
Wer Nagelsmanns Karriere verfolgt, kennt dieses Muster. Im EM-Viertelfinale 2024 gegen Spanien stellte er erstmals im Turnier Emre Can auf, obwohl er ihn sogar erst kurz vor dem Turnier nachnominiert hatte. Zur Halbzeit musste er seinen Fehler korrigieren. Gegen Ecuador griff er wieder in gruppendynamische Prozesse ein, selbst dort, wo sie funktionierten.
Dazu kommt die Torwartfrage. Nagelsmann hatte Oliver Baumann lange als Nummer 1 kommuniziert, dann Manuel Neuer zurückgeholt. Gegen Ecuador griff Neuer ins Leere, als Kevin Rodriguez einen Eckstoß per Kopf auf Gonzalo Plata verlängerte. Kein Fehler erster Güte, aber einer, den ein Torhüter auf der Höhe seiner Reaktionsschnelligkeit verhindert.
Ähnliches gilt für das 1:1: Nilson Angulo schoss aus 24 Metern, Neuer fiel mehr hin als dass er sprang. Dasselbe Muster zeigt sich bei Leon Goretzka, auf den sich Nagelsmann im März festgelegt hatte. Jetzt ist er in der Nationalelf eine Randfigur. Die Überzeugungen des Trainers, so die Einschätzung der ZEIT, sind nicht immer von Dauer.
Was die Mannschaft zeigt, wenn Nagelsmann nicht eingreift
Dabei begann der Abend vielversprechend. Deutschland ging früh in Führung: Aleksandar Pavlović beging ein Foul, das die Schiedsrichter übersahen, der Ball kam zu Wirtz, der ihn geschickt zu Leroy Sané spielte. Sané traf mit links. Ein Tor, das zeigte, was diese Mannschaft kann, wenn die Abläufe stimmen.
Doch der Spielaufbau blieb ein Problem. Die Abstände zwischen den Spielern waren unstrukturiert, die Abläufe unklar. Felix Nmecha, Pavlović und Musiala verloren immer wieder den Ball.
Joshua Kimmich, der im Verein auf einer anderen Position glänzt als in der Nationalelf, nahm aus der Abwehr heraus kaum Einfluss auf das Spiel. Ein Dribbling an der linken Strafraumkante, das mit Kimmich im Gras endete, ließ die deutschen Fans kurz aufatmen, als die Schiedsrichterin pfiff. Nagelsmann hat es noch nicht geschafft, dieser Mannschaft einen stabilen Spielaufbau zu vermitteln. Das ist kein Vorwurf aus einem schlechten Spiel heraus, das ist eine Beobachtung, die sich durch das Turnier zieht.
Deutschland gegen Paraguay: Was das für die K.o.-Runde bedeutet
Taktisch versuchte Nagelsmann gegen Ecuador viel. Sané agierte in den letzten zwanzig Minuten in der Zentrale, obwohl er ein Außenspieler ist. Hinten setzte der Trainer auf Dreierkette. Theoretisch progressiv, in der Praxis wurde gerumpelt.
Ecuador verteidigte den Sieg ohne große Mühe und wurde dabei zur ersten südamerikanischen Nation außer Brasilien und Argentinien, die Deutschland bei einer WM bezwang.
Die Serie von elf Siegen ist gerissen. Deutschland hat die Vorrunde überstanden, erstmals seit 2014, das ist der sportliche Befund. Doch Nagelsmanns Entscheidungen in diesem Spiel haben seinen Skeptikern neue Argumente geliefert. „Natürlich hätten wir anders gewechselt”, sagte er nach dem Spiel, „wenn wir zwingend noch ein Tor gebraucht hätten.” Zu einem Sieg hätte Deutschland ein Tor gebraucht, am Ende sogar zwei. Ab Montag, wenn die K.o.-Runde beginnt, ist jedes Spiel ein Spiel, in dem man zwingend ein Tor braucht. Ob Nagelsmann dann anders entscheidet, ist die Frage, auf die das deutsche Team eine Antwort braucht, bevor der Gegner sie stellt.
Quellen: Die Zeit
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