Wer Anstoss 2 gezockt hat, kennt das Gefühl: Man sitzt nach der Schule vor dem Computer, baut das Stadion aus, kauft Spieler, verhandelt Verträge, und irgendwann läuft der Verein so, wie man ihn sich immer vorgestellt hat. Lukas Podolski, 40, hat dieses Spiel offenbar nie ganz vergessen. Nur dass er es jetzt in echt spielt. Am vergangenen Donnerstag stimmte der Stadtrat von Zabrze einstimmig dafür, ihm 86 Prozent der Anteile an Górnik Zabrze zu verkaufen. Kaufpreis: umgerechnet 940.000 Euro. Und am Samstag stand Podolski dann noch einmal auf dem Platz, kam in Górnikis 6:2-Heimsieg gegen Radomiak Radom von der Bank, während die Fans Pappmasken mit seinem Gesicht trugen und ein riesiges Tifo entrollten. Darauf stand: „Boss“.
So, Feierabend

Das Ende kam so, wie es zu ihm passt: ohne große Geste, aber mit einem Satz, der sitzt. In einem Instagram-Video sortierte Podolski Trikots und Trophäen, ließ die Karriere kurz Revue passieren, dann schloss er eine Tür, auf der in sechs Sprachen „Danke Fußball“ stand. „So, Feierabend“, sagte er. Zwei Worte für 23 Profijahre.
Was diese Karriere umfasste, ist eine Liste, die man zweimal lesen muss. Profidebüt am 22. November 2003 beim 1. FC Köln, damals gerade mal 18 Jahre alt, gegen den Hamburger SV. Danach: FC Bayern, FC Arsenal, Inter Mailand, Galatasaray, Vissel Kobe, Antalyaspor und zuletzt Zabrze. Sechs Länder, 130 Länderspiele, 49 Tore für Deutschland, Weltmeister 2014 in Rio de Janeiro. Mit 49 Treffern ist er dritterfolgreichster DFB-Torschütze hinter Miroslav Klose (71) und Gerd Müller (68). Pokalsieger wurde er in fünf Ländern: in England mit dem FC Arsenal, in Japan mit Vissel Kobe, in der Türkei mit Galatasaray, in Polen mit Górnik Zabrze und in Deutschland mit den Bayern. Eine einzige Meisterschaft steht in dieser Vita, 2008 mit dem FC Bayern. Für jemanden, der so lange auf so hohem Niveau gespielt hat, ist das fast paradox.
Sein letzter Sommer in Zabrze war dabei kein ruhiges Ausklingen. Górnik gewann den polnischen Pokal, zum ersten Mal seit 1972, und beendete die Saison als Vizemeister hinter Lech Poznan. Das bedeutet: Qualifikation für die zweite Runde der Champions-League-Qualifikation. Podolski geht als Spieler. Als Boss kommt er zur richtigen Zeit.
Dreieinhalb Monate ohne Gehalt
Dass Podolski nicht erst seit dem Kaufvertrag an Górnik hängt, ist keine PR-Erzählung. Er wurde im nahegelegenen Gliwice, auf Deutsch Gleiwitz, geboren. Górnik war der Verein seiner Großmutter. Als er 2021 von Antalyaspor nach Zabrze wechselte, war das keine kommerzielle Entscheidung, sondern eine biografische. Und die Lage, die er vorfand, war alles andere als komfortabel.
„Dreieinhalb Monate haben wir kein Gehalt bekommen, da gab es bei uns in der Kabine Kaltwasser, weil die Stadt nicht die Rechnung bezahlt hat, der Rasenplatz war hart, weil die Heizung nicht ging“, sagte Podolski im Podcast „Copa TS“ bei Podcaster Tommi Schmitt. Was seitdem passiert ist, beschreibt er selbst so: „Ich habe Sponsoren hierhin gebracht, ich habe Logen verkauft, ich habe Spielertransfers gemacht, ich habe den Verein auch irgendwo wieder auf die Weltkarte gebracht.“ Im Dezember vergangenen Jahres erwarb er erste Anteile und wurde zweitgrößter Anteilseigner. Den Rest kaufte er jetzt.
Der Privatisierungsvertrag hat dabei eine Besonderheit, die den niedrigen Kaufpreis erklärt: Podolski verpflichtet sich, den Club in den kommenden Jahren mit umgerechnet knapp drei Millionen Euro zu finanzieren. Das ist die eigentliche Investition, nicht die 940.000 Euro. Dass er das als Verpflichtung und nicht als Risiko beschreibt, sagt einiges über seinen Blick auf Górnik.
Poldi, Schweini und das Sommermärchen

Im kollektiven deutschen Fußballgedächtnis ist Podolski vor allem eines: der Typ neben Bastian Schweinsteiger, der bei der Heim-WM 2006 Zahnpasta auf Türklinken geschmiert haben soll, der Spaßmacher, der Prinz Poldi. Sönke Wortmanns Sommermärchen-Film hat dieses Bild zementiert. Schweinsteiger hat seinen Spitznamen irgendwann abgelegt, wurde grau meliert, Herr Schweinsteiger. Podolski ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit immer Poldi geblieben, wie der Spiegel schreibt.
Dass dahinter ein Kosmopolit steckt, der sich in polnische Kommunalpolitik einmischt, eine Dönerkette namens Mangal Doner betreibt, Eisläden und eine Soccerhalle besitzt, ein Modelabel führt und gemeinsam mit Mats Hummels eine Hallen-Liga gegründet hat, das passte lange nicht in dieses Bild. Als NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst kürzlich nach Polen reiste, gehörte Podolski zu seinem Gefolge und hielt eine Rede zur deutsch-polnischen Identität, die das Publikum begeistert hat, wie der Spiegel berichtet. Der Spaßmacher und der Weltmann: Podolski bringt das mittlerweile unter einen Hut.
Joachim Löw hat ihn einmal beim TV-Sender ProSieben so beschrieben, sinngemäß auf Deutsch: „Er ist schon ein bisschen wie Köln: unterhaltsam, niemals langweilig, immer irgendwie das positive Lebensgefühl mit sich tragend. So hat er auch alle anderen angesteckt und mitgezogen. Und er war nahbar, bodenständig mit einer unglaublichen Empathie für die Menschen, für die Fans.“ Das ist das Bild, das bleibt. Und das ist auch das Kapital, mit dem er jetzt als Clubbesitzer arbeitet.
Der Boss sucht den neuen Poldi
Beim Abschiedsspiel hängte Podolski sein Trikot mit der Nummer 10 symbolisch ins Vereinsmuseum. Weiß-blau-roter Rauch stieg auf, klassische Musik erklang, Fans weinten. Podolski grinste, spitzbübisch wie immer. „Wir fahren weiter, das ist noch nicht das Ende“, sagte er. Dann begann die Arbeit.
Als Clubbesitzer formuliert er seine Erwartungen an neue Spieler bereits klar: Er werde sicher keinen Top-Star verpflichten, „nur um anzugeben“. „Wichtig ist, dass er zum Verein passt und Charakter hat“, sagte Podolski. Einen klassischen Investor sieht er in sich nicht. „Einer von den Fans. Einer, der die Sprache und Stimme der Fans hat. Fußball gehört immer wieder den Fans“, sagte er am Rande der Wüst-Reise in Kattowitz laut Zeit Online.
Dass er als Kind Fußballmanagerspiele gezockt hat, räumte er im Gespräch mit Tommi Schmitt ein. Welches genau, ließ er offen. Aber was ihn daran fasziniert habe, beschrieb er präzise: „Stadion ausbauen, die Mannschaft zusammenstellen, man konnte einen Rasenplatz kaufen, konnte die Kabinen machen. Das hat mich damals schon fasziniert. Dann hat mich das vielleicht irgendwie begleitet.“ Górnik Zabrze ist 14-facher polnischer Meister, erreichte 1970 das Finale des Europapokals der Pokalsieger. Der letzte Meistertitel liegt allerdings 38 Jahre zurück, 1988. Podolski weiß, was er sich vorgenommen hat. Und er weiß auch, dass die Champions-League-Qualifikation in diesem Sommer keine Garantie ist, sondern erst der Anfang einer viel längeren Geschichte.
Quellen: Der Spiegel (spiegel.de), Die Zeit (zeit.de), n-tv.de, Reuters (reuters.com), kicker.de
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