80.663 Zuschauer. Ausverkauft. 90 Grad Fahrenheit, Luftfeuchtigkeit on top. Als Frankreich und Schweden im New York New Jersey Stadium zum Achtelfinale der FIFA-WM anpfiffen, war die Luft im Stadion kaum zu atmen. Und trotzdem: kein leerer Platz. Mit diesem Spiel knackte das Turnier laut SBJ-Reporter Joe Lemire die Marke von fünf Millionen Zuschauern, die erste WM überhaupt, der das gelingt. Draußen vor den Toren des Sports läuft derweil eine andere Partie, bei der es um Milliarden geht, um Rechtsfragen, die bis zum Supreme Court führen könnten, und um die Frage, wem der Fan der Zukunft eigentlich gehört.
Das Turnier, das alle Maßstäbe sprengt
Fünf Millionen Zuschauer in 78 Spielen. Eine durchschnittliche Auslastung von 99,7 Prozent. Alle neun Partien in Mexico City und New Jersey zogen mehr als 80.000 Menschen an. Die Zahlen, die SBJ aus East Rutherford meldet, sind nicht nur Rekorde, sie sind eine Aussage über das Produkt: Die FIFA-WM mit erweitertem Teilnehmerfeld und NFL-tauglichen Stadien funktioniert als Massenveranstaltung, selbst bei Hitze und hohen Ticketpreisen. Das tri-nationale Turnier hat bewiesen, dass Kapazität und Nachfrage zusammenpassen, wenn der Rahmen stimmt.
Der Graumarkt, der keiner sein will

Parallel dazu verändert sich der Markt rund ums Zuschauen grundlegend. Was auf dem Smartphone-Bildschirm aussieht wie DraftKings oder FanDuel, ist rechtlich etwas anderes: ein sogenannter Prediction Market, reguliert nicht von staatlichen Glücksspielbehörden, sondern von der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) auf Bundesebene. Die Plattform Kalshi, Marktführer mit geschätzten 90 Prozent des US-amerikanischen Volumens in diesem Segment, hat laut SBJ allein im März rund 1,8 Milliarden Dollar Volumen rund um das NCAA-Turnier verzeichnet, mehr als 600 Millionen beim Super Bowl, mehr als 500 Millionen beim Masters. Bis Mai überstieg das Sport-Volumen für das laufende Jahr die 40-Milliarden-Dollar-Marke.
Das Prinzip: Nutzer kaufen Verträge, die sich auf den Ausgang eines Spiels oder eines Ereignisses innerhalb eines Spiels beziehen, etwa ob die Knicks gewinnen oder ob Jalen Brunson mehr als 26 Punkte erzielt. Jeder Vertrag löst sich bei einem Dollar auf. Wer auf der richtigen Seite steht und hält, bekommt seinen Einsatz zurück plus Gewinn. Wer falsch liegt, verliert alles. Die Preise schwanken je nach Marktlage. Auf dem Bildschirm lässt sich das in klassische Wett-Quoten umrechnen, sodass es optisch kaum von einem Sportwetten-Anbieter zu unterscheiden ist.
CFTC-Chef Michael Selig räumte gegenüber SBJ ein, dass die heutigen Event Contracts eine differenziertere Regulierung erfordern als ihre Vorgänger. Im März empfahl die Behörde den Börsen, sich bei der Frage, ob ein Markt anfällig für Manipulation sei, mit den Ligen abzustimmen. Anfang Juni folgte ein Regelvorschlag, der einen „Public Interest“-Prüfprozess einführen und Wetten auf Schiedsrichterentscheidungen oder Verletzungen untersagen soll, Point-Spread- und Player-Prop-Wetten aber grundsätzlich erlaubt. Selig, sinngemäß auf Deutsch: „Wir haben die ausdrückliche Befugnis, diese Produkte zu prüfen, und werden klare Standards dafür entwickeln, wie wir sie künftig bewerten.“
Mehr als 20 US-Bundesstaaten haben Klage eingereicht oder Unterlassungsaufforderungen verschickt, mit dem Argument, Prediction Markets seien Glücksspiel und gehörten damit unter staatliche Aufsicht. Kalshi und die CFTC halten dagegen: Bundesrecht habe Vorrang. Ein Urteil des 3rd U.S. Circuit Court of Appeals in New Jersey ging zugunsten von Kalshi aus, ein Urteil des 9th Circuit in Nevada steht noch aus. Analysten halten eine Befassung des Supreme Court für wahrscheinlich, möglicherweise noch in diesem Jahr. In Arizona und Minnesota hat Kalshi strafrechtliche Konsequenzen riskiert, in Minnesota ist das Betreiben der Plattform sogar als Verbrechen eingestuft.
DraftKings ist unter den traditionellen Anbietern am aggressivsten in den Markt eingestiegen. Das Unternehmen meldete für Mai rund 250 Millionen Dollar Volumen im Predictions-Bereich. Zusammen mit FanDuel plant DraftKings, im Herbst mehr als 200 Millionen Dollar in die Vermarktung der neuen Angebote zu investieren. Kalshi wäre laut dem Glücksspiel-Analysehaus Eilers & Krejcik im März der viertgrößte Sportwetten-Anbieter der USA gewesen, auf Augenhöhe mit BetMGM. Bank of America-Analysten schätzen, dass das jährliche Volumen im Sports-Predictions-Bereich auf mehr als eine Billion Dollar anwachsen könnte, mit rund zehn Milliarden Dollar jährlichem Ertrag für die Betreiber.
NBA Europe: Das größte Bieterrennen im Basketball

Auch die NBA spielt gerade um Milliarden, allerdings auf einem anderen Kontinent. Die Bieterfrist für NBA-Europe-Franchises endete am Dienstag. Laut SBJ-Quellen lagen viele der eingegangenen Angebote über der von der NBA präferierten Spanne von 500 Millionen bis einer Milliarde Dollar. Interessenten aus Athen, Barcelona, Berlin, Istanbul, London, Lyon, Madrid, Manchester, Mailand, München, Paris und Rom sollen im Rennen sein, darunter bestehende EuroLeague-Klubs, frühere NBA-Eigentümer und Fußballvereine, die erstmals ins Basketball-Geschäft einsteigen wollen.
Marc Lasry, der die Milwaukee Bucks 2023 verkaufte, soll laut Quellen zu den Bietern gehören. NBA Deputy Commissioner Mark Tatum erklärte in einem Statement: „Wir sind von den eingegangenen Geboten begeistert. Das wird der größte Kapitalzufluss sein, den der europäische Basketball je gesehen hat.“ Real Madrid, Asvel und Fenerbahçe gelten als Interessenten, haben aber wie zwölf weitere EuroLeague-Klubs 10-Jahres-Verlängerungen bei der EuroLeague unterzeichnet, mit Ausstiegsklauseln von jeweils zehn Millionen Euro. EuroLeague-CEO Chus Bueno sagte gegenüber Eurohoops vor rund drei Wochen, sinngemäß auf Deutsch: „Ein Klub wie Real Madrid bringt IP, Fanbasis, 100 Jahre Geschichte und Tradition. Das muss berücksichtigt werden.“
Seit die NBA das Finanzmodell Ende April angepasst hat, sind die Erstgebote laut Quellen um mehr als 100 Prozent gestiegen. Die NBA erwartet im ersten Jahrzehnt mehr als zehn Milliarden Dollar an Ausschüttungen, will über drei Milliarden Dollar investieren, um frühe Verluste abzufedern, und rechnet damit, dass die zwölf permanenten Franchises ab Jahr drei profitabel sind. Der Ligastart ist für Oktober 2027 geplant. Das NBA Board of Governors trifft sich Mitte Juli; ob die Franchises dann bereits genehmigt werden, ist laut Quellen offen.
Seattle und die 25-Jahres-Wette auf Loyalität
Während große Zahlen die Schlagzeilen dominieren, haben die Seattle Mariners und Sodexo Live eine Entscheidung getroffen, die in ihrer Schlichtheit auffällt: eine 25-jährige Verlängerung ihres Food-and-Beverage-Vertrags, der bis 2051 läuft und 1997 im Kingdome begann. Sodexo Live CEO Belinda Oakley sagte gegenüber SBJ, der Deal zeige, dass das Sport-Gastronomiegeschäft „nicht so unbeständig ist, wie manche denken.“ Malcolm Rogel, VP Fan Experience bei den Mariners seit 28 Jahren, beschrieb den Wandel in der Beziehung: Nach Jahren mit Drei- und Sechsjahresverträgen habe man erkannt, dass die kurzen Laufzeiten zwar Kontrolle suggerierten, aber echte Partnerschaft verhinderten. „Es schien, als könnten wir uns nicht aneinander binden, weil wir sehr bald keine Partner mehr sein könnten. Das war schwierig.“ Sodexo Live wird im Sommer 2027 eine Hospitality-Trainings-Akademie im T-Mobile Park eröffnen, nach dem Vorbild einer ähnlichen Einrichtung in Atlanta für Delta-Flughafenlounges.
Fünf Millionen WM-Zuschauer, ein Milliarden-Bieterrennen um NBA-Franchises, ein Rechtskampf um die Zukunft des Sportwettens und ein 25-Jahres-Handschlag in Seattle: Der globale Sportmarkt verhandelt gerade auf mehreren Ebenen gleichzeitig, wer die Fans der Zukunft erreicht, wer sie kennt und wer das Geld verdient, das dabei entsteht. Die Antworten werden nicht alle auf einmal kommen. Aber die Richtung ist klar.
Quellen: Sports Business Journal, Eurohoops
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