Elliott Hill hat sich einen ungewöhnlichen Referenzrahmen gewählt. Als der Nike-CEO am Dienstag die Jahreszahlen vor Analysten präsentierte, griff er nicht zu den üblichen Turnaround-Metaphern aus dem Managementhandbuch. Er sprach über die New York Knicks, die gerade nach 53 Jahren ihren ersten NBA-Titel gewonnen haben, und er meinte es ernst. Der Vergleich ist nicht ohne Risiko: Wer sich mit einem Meister vergleicht, muss auch erklären, warum man selbst noch keiner ist.

Was die Zahlen sagen
Das Geschäftsjahr 2026, das am 31. Mai endete, lieferte Nike ein gemischtes Bild. Laut Sportico lagen die Jahresumsätze bei 46,4 Milliarden US-Dollar, damit flach gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn fiel um 3 Prozent auf 3,1 Milliarden US-Dollar. Kein Einbruch, aber auch kein Wachstum.

Das vierte Quartal überraschte die Märkte positiver. Nike meldete einen Nettogewinn von 1,1 Milliarden US-Dollar bei einem Umsatz von 11 Milliarden US-Dollar für die drei Monate bis Ende Mai. Analysten hatten laut S&P Global Market Intelligence im Schnitt 189 Millionen US-Dollar Gewinn bei 10,8 Milliarden Umsatz erwartet. Der Sprung erklärt sich allerdings zum großen Teil aus einem Einmaleffekt: der Rückerstattung von Zöllen, die unter dem International Emergency Economic Powers Act von Präsident Trump erhoben worden waren. Strukturelle Stärke sieht anders aus.
Für den Rest des Kalenderjahres erwartet Nike einen Umsatzrückgang im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich, bedingt durch schwächere Konsumausgaben und volatile makroökonomische Bedingungen. Hill selbst sagte es direkt: „Die Ergebnisse sind noch nicht da. Wir wissen, dass wir unser volles Potenzial nicht ausschöpfen.“
Wo es läuft und wo nicht

Nordamerika, Nikes Heimatmarkt, entwickelt sich gut. Auch Performance-Kategorien wie Running, Training und Fußball zeigen Stärke. Beim Thema Fußball hat Nike einen frühen Datenpunkt für die laufende Weltmeisterschaft geliefert: Bis zum Start des Turniers Anfang Juli hatte der Konzern mehr als doppelt so viele WM-Trikots verkauft wie im vergleichbaren Zeitraum vor der WM 2022, die wegen der Sommerhitze im Gastgeberland Katar erst im November und Dezember stattfand.
Deutlich schwieriger ist die Lage in Greater China. Der Quartalsumsatz dort lag bei 1,3 Milliarden US-Dollar, ein Minus von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auch Sportswear und Jordan-Streetwear bleiben hinter den Erwartungen, obwohl Nike nach eigenen Angaben bereits Produkte im Wert von rund 2 Milliarden US-Dollar aus diesen Kategorien aus dem Markt genommen hat. Die Bereinigung läuft, die Wirkung ist noch nicht sichtbar.
Der Knicks-Vergleich und seine Grenzen

Hill formulierte die Parallele beim Analystenmeeting so, sinngemäß auf Deutsch: „Das war nicht auf eine einzige Serie oder eine einzige Saison gebaut. Es entstand über Zeit, durch Rückschläge und Fortschritte, durch Beziehungen und das Vertrauen in ein System, in dem jeder seine Rolle kennt. Genau so bauen wir Nike auf, auf die richtige Weise. Denn das Ziel ist nicht eine Meisterschaft, sondern ein Team, das es immer wieder schafft.“
Die Analogie ist gut gewählt, weil sie Geduld einfordert ohne Schwäche einzugestehen. Die Knicks haben jahrelang umgebaut, Rückschläge kassiert und Kader-Entscheidungen getroffen, deren Früchte erst später sichtbar wurden. Nike beschreibt seinen internen Umbau, den es „Win Now“ nennt, als laufenden Prozess seit Ende 2024. Dieser soll bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Die Produkte, die im Zuge dieses Umbaus entwickelt wurden, sollen ab Anfang 2027 in die Regale kommen. Hill erwartet, dass die strukturellen Veränderungen ab 2027 spürbar werden.
Allerdings hat der Vergleich einen Haken, den Hill selbst nicht benennt: Die Knicks hatten in ihrer schlechtesten Phase keinen Börsenkurs. Nike schon. Die Aktie schloss am Dienstag bei 41,05 US-Dollar und rutschte nachbörslich auf 40,62 US-Dollar. Seit Jahresbeginn hat das Papier rund 35 Prozent verloren. Investoren warten nicht auf Meisterschaften. Sie warten auf Quartale.
Was 2027 beweisen muss
Nikes Lage ist kein Krisenfall, aber sie ist auch keine Geschichte der Erholung. Es ist der unkomfortable Zwischenraum: zu groß um zu scheitern, zu träge um schnell zu wachsen, zu stark in Nordamerika um den Pessimisten recht zu geben, zu schwach in China und Streetwear um die Optimisten zu überzeugen. Der Einmaleffekt durch die Zoll-Rückerstattung hat das Quartalsbild aufgehellt, ohne das strukturelle Problem zu lösen.
Hill hat das Narrativ für 2027 gesetzt. Wenn die neuen Produkte ab Anfang nächsten Jahres auf den Markt kommen und China sich stabilisiert, hat der Knicks-Vergleich im Nachhinein Substanz. Wenn nicht, wird er als das in Erinnerung bleiben, was er im Moment noch ist: ein guter Satz vor einer offenen Frage.
Quellen: Sportico, S&P Global Market Intelligence
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