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Wie Seattle zur Seele des amerikanischen Fußballs wurde

Juli 15, 2026
3 Minuten Lesezeit
Lumen Field Quelle: Wikimedia Com. Art Bromage from Seattle

Am 19. Juni füllten 66.925 Zuschauer das Lumen Field in Seattle, sahen ein 2:0 der USA gegen Australien und sangen danach gemeinsam „Take Me Home Country Roads.” Der Moment ging viral. Wer ihn gesehen hat, verstand sofort: Das war kein gewöhnliches Fußballspiel. Aber warum ausgerechnet Seattle? Und warum gerade jetzt?

135 Jahre Fußball, verdichtet auf einen Nachmittag

 Quelle: Wikimedia Com. Bryan Berlin

Seattle hat keine frische Fußballkultur. Die Wurzeln reichen bis in die 1890er Jahre, als europäische Einwanderer aus Wales, Italien und Deutschland das Spiel in den pazifischen Nordwesten brachten, laut der Washington State Soccer Legends, einer gemeinnützigen Organisation zur Erhaltung der lokalen Fußballgeschichte. Holzfäller und Bergarbeiter spielten damals gegeneinander. Ethnische Ligen folgten.

Brian Schmetzer, Cheftrainer der Seattle Sounders und in den 1980er Jahren selbst Spieler des Vereins, kennt diese Geschichte aus erster Hand. Sein Vater Walter, gebürtig aus Deutschland, spielte in einer solchen ethnischen Liga. „Er spielte für Germania, und es war eine lebhafte Graswurzelszene. Sie spielten gegen die Ungarn, die Polen oder die Italiener,” erzählte Schmetzer gegenüber Men’s Health. Die Sounders wurden 1974 gegründet, gehörten zur North American Soccer League, die 1984 kollabierte, und fanden sich danach in verschiedenen Indoor-Ligen wieder. Der Durchbruch kam schrittweise: Die WM 1994 brachte Schwung, die Gründung der Major League Soccer 1996 brachte Geld und Strukturen. Als die Sounders 2009 als Expansion-Franchise in die MLS eintraten, brachen sie in den ersten fünf Jahren Zuschauerrekorde.

Den Nachmittag des 19. Juni beschreibt Schmetzer als persönlichen Höhepunkt. „Es war ein grandioser Nachmittag, absolut ein Höhepunkt für mich als lebenslangen Seattle-Fan,” sagte er gegenüber Men’s Health. „So viel positive Energie, Menschen mit Tränen in den Augen.”

Was die Stadt anders macht

Lumen Field Quelle: Wikimedia Com. SounderBruce

Fußball in Seattle ist kein Zuschauerphänomen. Das ist der entscheidende Unterschied zu vielen anderen amerikanischen Märkten. Isaiah Harris, 800-Meter-Spezialist beim Brooks Beast Track Club und erst kürzlich aus Maine nach Seattle gezogen, beschreibt seine erste Beobachtung so: Bei jedem Mannschaftstraining an einem anderen Feld in der Stadt lief irgendwo eine Fußballliga. „Sogar die Indoor-Halle, in der wir trainieren, veranstaltet Indoor-Fußballturniere. Überall, wo ich hinsah, spielten Menschen Fußball,” sagte er gegenüber Men’s Health.

Bella Bonnett, die gerade ihr Studium an der Seattle University abgeschlossen hat und dort vier Jahre lang im Mittelfeld der Frauenfußballmannschaft spielte, schildert dasselbe Bild aus einer anderen Perspektive. „Eines der ersten Dinge, die mir nach meinem Umzug nach Seattle auffielen, war, wie tief Fußball in der Gemeinschaft verwurzelt ist,” sagte sie gegenüber Men’s Health. „In Seattle ist Fußball nicht nur etwas, das die Leute schauen. Es ist etwas, das sie aktiv betreiben und über das sie sich verbinden.”

Himi Martin, in Seattle geboren und aufgewachsen, nennt Zugänglichkeit als Schlüssel: Rasenflächen, Parks mit aufgestellten Toren, eine Stadt, die die globale Natur des Sports aktiv annimmt. „Menschen aus aller Welt nennen diese Stadt ihr Zuhause, und was sie mitbringen, ihre Mischung aus Kulturen und Perspektiven, ist durch ein einziges Spiel verbunden,” sagte er gegenüber Men’s Health. Das klingt wie eine Floskel, ist in Seattle aber strukturell verankert: Die Sounders und die Reign, das Frauenteam der Stadt, spielen beide auf hohem Niveau. Nationale Teams treten regelmäßig im Lumen Field an. Jen Barnes, vierte Generation Seattlerin und Mitgründerin des semiprofessionellen Teams Salmon Bay FC, eröffnete 2021 die Sportbar Rough & Tumble mit dem Anspruch, Frauen- und Männersport gleichwertig zu zeigen. „Ich wollte keines der Geschlechter hervorheben. Ich wollte einen Raum schaffen, der widerspiegelt, wonach die meisten Fans da draußen wirklich suchen,” sagte sie gegenüber Men’s Health.

Kollektive Euphorie als Argument

Was am 19. Juni im Lumen Field passierte, hat einen wissenschaftlichen Namen. Forscher bezeichnen das Phänomen als „collective effervescence”, kollektive Euphorie durch Zugehörigkeit. Adam Grant, Forscher an der University of Pennsylvania, beschreibt es laut Men’s Health als „das Gefühl von Energie und Harmonie, das Menschen empfinden, wenn sie in einer Gruppe um einen gemeinsamen Zweck zusammenkommen.” Fußball ist dafür besonders gut geeignet, und die WM ist der extremste Ausdruck davon. Rund 1,5 Milliarden Menschen werden das WM-Finale verfolgen, gegenüber etwa 230 Millionen beim Super Bowl. Kein anderer Sport erzeugt diese globale Gleichzeitigkeit.

Schmetzer zieht den Vergleich zur WM 1994, die dem amerikanischen Fußball damals einen Schub gab, und hofft, dass 2026 das Spiel im Land „mit Turboantrieb wachsen lässt.” Doch er betont auch etwas, das über Fußball hinausgeht. „Unser Land ist in gewisser Weise gespalten, das alles. Bei dem Spiel gab es keine Zeichen oder Reden über Politik,” sagte er gegenüber Men’s Health. „Alle trugen Rot, Weiß und Blau. Der Patriotismus, den wir alle in diesem Stadion gespürt haben, als wir Country Roads sangen, war unglaublich. Niemanden hat es interessiert, ob du rechts oder links stehst. Alle haben gesungen und gemeinsam den Tag genossen.”

Das ist die eigentliche Stärke dieses Moments: Er lässt sich nicht verordnen. Seattle hat ihn nicht herbeiinszeniert. Er ist das Ergebnis von 135 Jahren Einwanderergeschichte, eines Vereins, der Zuschauerrekorde bricht, einer Bar, die Frauen- und Männersport gleichberechtigt zeigt, von Feldern in Parks, auf denen jeden Wochenende gespielt wird. Wenn die WM 2026 in den USA tatsächlich etwas verändert, dann nicht wegen der Turnierorganisation, sondern wegen Momenten wie diesem. Barnes, die das Spiel nicht live sah, aber die Clips verfolgte, bringt es auf den Punkt: Die Bilder der singenden Fans bringen sie jedes Mal zum Weinen. Das ist kein kleines Ergebnis für einen Donnerstagnachmittag im Juni.

Quellen: Men’s Health

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