Carlos Alcaraz sitzt seit Mitte April auf der Tribüne. Kein French Open, kein Wimbledon, das Handgelenk macht nicht mit. Zwei Grand-Slam-Titel in Roland Garros, drei Finals in Wimbledon, darunter zwei Siege, und nun das: Pause, während andere spielen. Wer dachte, das koste ihn auch finanziell die Spitzenposition, hat die Mechanik des modernen Tennismarkts unterschätzt. Laut dem Sportico-Ranking der bestbezahlten Tennisprofis der vergangenen zwölf Monate führt der 23-jährige Spanier die Liste mit geschätzten 62,9 Millionen US-Dollar an, mehr als jeder andere Spieler auf der Tour.
Geld, das auch ohne Schläger fließt

Von Alcaraz‘ Gesamteinkommen stammen 44 Millionen US-Dollar aus Sponsorenverträgen, Auftrittsgebühren und Lizenzen, nur 18,9 Millionen aus Preisgeld. Das ist die entscheidende Verschiebung im Profitennis: Die eigentlichen Summen werden nicht auf dem Platz verdient. Mehr als zehn Endorsement-Partner zählt Alcaraz mittlerweile, darunter einen achtstelligen Jahresvertrag mit Nike, der laut Sportico der lukrativste Einzeldeal in seinem Portfolio ist. Im Mai kam Ant International dazu, ein Singapur-basiertes Finanzunternehmen, das ihn in Kampagnen für Alipay+, Antom und WorldFirst einsetzt.
Auf Platz zwei folgt Jannik Sinner mit 59 Millionen US-Dollar. Seit Anfang 2024 hat der 24-jährige Italiener 19 ATP-Turniere gewonnen und dabei nur 15 Matches verloren. Sein Preisgeld in diesem Zeitraum beläuft sich auf 46 Millionen US-Dollar, hinzu kommen zwei Siege beim Six Kings Slam in Riad, die jeweils mehr als 6 Millionen US-Dollar einbrachten. Sinner hat mehr als ein Dutzend Sponsoren, darunter Nike, Rolex, Head, Gucci und Lavazza.
Die Rivalität zwischen Alcaraz und Sinner hat den Männertennis der vergangenen drei Jahre geprägt. Neun Grand-Slam-Titel in Serie gingen an die beiden, bevor Alexander Zverev bei den French Open 2026 die Serie beendete und damit gleichzeitig sein erstes Slam-Turnier gewann. Im ATP-Karrierepreisgeld liegen alle drei mit je rund 65 Millionen US-Dollar eng beieinander, auf den Plätzen fünf bis sieben.
Serena, die Rückkehrerin

Platz vier gehört Serena Williams, 44 Jahre alt, 40 Millionen US-Dollar Jahreseinkommen, davon 8.975 US-Dollar Preisgeld. Die Zahl ist kein Druckfehler. Williams kehrte im Juni nach fast vier Jahren Pause auf die Tour zurück, ihr letzter Auftritt davor war die US Open 2022. In den ersten beiden Rasenturnier-Doppelspielen dieses Jahres verdiente sie exakt diese 8.975 US-Dollar. Den Rest, also praktisch alles, brachten Sponsorenverträge, Vortragsengagements im siebenstelligen Bereich und ihre Unternehmensbeteiligungen.
Williams hat seit ihrem Karrierestart 1995 mehr als 400 Millionen US-Dollar abseits des Platzes verdient. Ihr Karrierepreisgeld von 94,8 Millionen US-Dollar ist laut Sportico fast doppelt so hoch wie das jeder anderen Frau in der Tennisgeschichte. Aryna Sabalenka folgt mit 49,9 Millionen US-Dollar auf Platz zwei. Dass Williams in der Ruhestandsphase mehr verdiente als während ihrer aktiven Karriere, ist kein Widerspruch, sondern die Logik eines Markts, der Bekanntheit über Aktualität stellt. Ihre 18 Millionen Instagram-Follower helfen dabei.
Frauen dominieren die Mitte
Coco Gauff, 22 Jahre alt, steht mit 40,3 Millionen US-Dollar auf Platz drei. Ihr WTA-Ranking ist auf Platz sieben gefallen, nachdem sie fast das gesamte Jahr 2025 in den Top drei war, doch ihr Marktwert läuft dem Spielergebnis voraus. 35 Millionen US-Dollar kommen aus Endorsements, darunter neue Deals mit Chase Bank und Miu Miu, dazu Verträge mit Baker Tilly, Bose, Fanatics, Head, New Balance und Rolex.
Insgesamt sechs der zehn bestbezahlten Tennisprofis sind Frauen. Aryna Sabalenka, seit 89 Wochen auf Platz eins der Weltrangliste, verdiente 35,9 Millionen US-Dollar, Qinwen Zheng 24,6 Millionen, Iga Swiatek 22,8 Millionen und Elena Rybakina 16,3 Millionen. Rybakina, die Wimbledon-Siegerin von 2022, gewann im Januar die Australian Open und damit ihr zweites Grand-Slam-Turnier. Beim WTA-Saisonfinale 2025 in Riad kassierte sie 5,23 Millionen US-Dollar für einen makellosen Auftritt, 5:0-Bilanz, was laut WTA die höchste Einzelauszahlung in der Geschichte des Damentennis war.
Sportico hebt hervor, dass Tennis die einzige große Profisportart ist, in der Frauen beim Gesamteinkommen annähernd mit den Männern mithalten. Das Preisgeld der WTA liegt zwar unter dem der ATP, aber bei den Grand Slams und den Masters-1000-Events ist es identisch. Sieben Frauen verdienten mindestens 10 Millionen US-Dollar abseits des Platzes, darunter auch Naomi Osaka und Alex Eala, die beide außerhalb der Top Ten landeten.

Was die Zahlen insgesamt sagen
Die zehn bestbezahlten Tennisprofis verdienten zusammen 344 Millionen US-Dollar, ein Plus von 26,5 Prozent gegenüber den 272 Millionen US-Dollar des Vorjahres. Sporticos Schätzungen decken den Zeitraum vom 1. Juli 2025 bis zum 30. Juni 2026 ab, alle Zahlen verstehen sich vor Steuern und Agenturgebühren, ohne Kapitalbeteiligungen und Investitionseinkünfte.
Novak Djokovic, mit 24 Grand-Slam-Titeln, 428 Wochen als Weltranglistenerster und 193 Millionen US-Dollar Karrierepreisgeld der statistisch erfolgreichste Spieler der Geschichte, kommt mit 25,6 Millionen US-Dollar auf Platz sechs. Sein Blick geht bereits nach vorn: Er ist dem Private-Equity-Unternehmen General Atlantic als globaler strategischer Berater beigetreten. Alexander Zverev schließt die Liste mit 16,7 Millionen US-Dollar ab. Sein erster Grand-Slam-Titel bei den French Open 2026 loste einen Bonuszahlung von Langzeitpartner Adidas aus. Mehrere Vorwürfe häuslicher Gewalt belasten sein Sponsorenprofil dennoch weiter, wie Sportico festhält.
Alcaraz fehlt in diesem Sommer auf dem Platz. Die Zahlen zeigen, dass das den Markt vorerst wenig interessiert.
Quellen: Sportico
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