„Er gewinnt zum ersten Mal die US Open und merkt’s nicht, bemerkenswert“, sagte Becker. „Das ist die Szene des Jahres für mich im Sport.“
Was Alexander Zverev wirklich antreibt
New York, Arthur Ashe Stadium, September 2026. Alexander Zverev steht kurz vor dem Aufschlag. Er zupft am T-Shirt. Er schaut rüber zum Gegner. Er beugt sich hinab. Und dann beginnt das Titschen. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder. ESPN zählte in Zverevs ersten fünf Spielen bei den US Open 12.040 Auftitscher.
Sky Sports rechnete nach: Von den fast 20 Stunden, die Zverev auf dem Weg ins Finale auf dem Court stand, verbrachte er zweieinhalb Stunden damit, den Ball vor dem Aufschlag auf den Boden zu dotzen. Zweieinhalb Stunden. Das ist mehr Zeit, als die meisten Männer pro Woche mit echtem Fokusstraining verbringen.
Am Ende gewann Zverev die US Open 2026. 6:3, 7:6, 5:7, 6:2 gegen Ben Shelton. Sein zweiter Grand-Slam-Titel des Jahres, nach dem French Open im Juni. Und der zweite Deutsche nach Boris Becker 1989, der in New York triumphierte.

Aber die eigentliche Frage, die seitdem das Tennis-Internet spaltet, lautet nicht: Wie gut ist Zverev? Sondern: Was zum Teufel macht er da eigentlich und warum funktioniert es?
Die Psychologie des Rituals: Warum Wiederholung Macht bedeutet
Erstmal die ehrliche Antwort: Zverev selbst bestreitet jede Absicht. „Ich mache das nicht mit Absicht“, sagte er nach dem Halbfinale.
„Ich zähle nicht in meinem Kopf. Ich will nicht eine bestimmte Anzahl erreichen. Ich weiß nicht, warum die Zahl so hochgegangen ist.“
Klingt harmlos. Klingt ehrlich. Ist aber aus psychologischer Sicht trotzdem hochinteressant.
Sportpsychologen nennen dieses Phänomen präperformatives Ritual. Immer dieselbe Bewegungssequenz unter Druck auszuführen, aktiviert das prozedurale Gedächtnis – also den Teil des Gehirns, der automatisierte Handlungen speichert.
Das Ritual funktioniert wie ein mentaler Reset-Knopf. Es reduziert Cortisol, erhöht die Fokustiefe und stabilisiert die Herzratenvariabilität vor dem entscheidenden Moment.
Einfacher gesagt: Wer ein starkes Ritual hat, bleibt cool, wenn andere zittern.
Das ist der Grund, warum fast alle Topspieler solche Rituale haben. Aber Zverev hat seines auf ein Niveau getrieben, das selbst Experten irritiert – und Gegner destabilisiert.
Was Djokovic verriet und was das über Zverev sagt
Novak Djokovic kannte dieses Phänomen aus eigener Erfahrung. Als 24-Jähriger gab er in der US-TV-Sendung „60 Minutes“ zu:
„Es ist eine Angewohnheit. Eine schlechte Angewohnheit.“
In wichtigen Momenten würde sie besonders zum Vorschein kommen. Beim Matchball eines Davis-Cup-Spiels habe er den Ball fast 40 Mal springen lassen.
Dann kam die entscheidende Frage des Moderators: Ob er glaube, dass sein Verhalten die Gegner verunsichern würde?
Djokovic antwortete ohne zu zögern: „Ja. Auf eine Art schon.“ Und lachte.
Das ist die harte Wahrheit hinter dem scheinbar harmlosen Ballgetitsche: Es ist gleichzeitig Ritual und psychologische Waffe. Nicht unbedingt bewusst eingesetzt – aber wirksam. Zverevs Halbfinalgegner Karen Chatschanow brachte es auf den Punkt:
„Man weiß gar nicht, wie man sich auf den Aufschlag vorbereiten soll.“
Genau das ist der Kern. Unsicherheit ist die gefährlichste Waffe im Sport.
Die „dunklen Künste“ des Tennis und warum sie funktionieren
Tennis gilt als Gentlemensport. Geordnet. Gesittet. Fair. Kein Trikotziehen, kein Einflüstern, keine Provokationen wie auf dem Fußballplatz.
Aber wer glaubt, dass Tennis deshalb ohne Psychokrieg auskommt, liegt brutal falsch.
Brad Gilbert, frühere Nummer vier der Weltrangliste, beschreibt in seinem Buch „Winning Ugly: Mentale Kriegsführung im Tennis“ präzise, wie man Matches gewinnt, ohne der bessere Spieler zu sein.
Mentale Spielchen könnten den Ausgang einer Partie ebenso beeinflussen wie körperliche und taktische Aspekte.
„Denk daran“, schreibt er, „die ›mind games‹, die der Gegner einsetzt, haben alle dasselbe allgemeine Ziel deine Konzentration zu stören.“
Gilbert nennt es „Turtle Time“, wenn ein Spieler das Match so zu verlangsamen versucht, dass es den Gegner aus der Fassung bringt. Die Optionen sind vielfältig: mitten im Aufschlagspiel zur Tasche rennen, um den Schläger zu wechseln. Sich länger mit dem Handtuch abtrocknen. Eine Diskussion mit dem Schiedsrichter lostreten.
Und: den Ball 12.040 Mal titschen.
Die Wissenschaft hinter der Toilettenpause und was das mit Zverev zu tun hat
Dass diese „dunklen Künste“ wirklich funktionieren, belegt mittlerweile die Wissenschaft. 2024 veröffentlichten Psychologen der University of Manchester eine Studie, laut der 71 Prozent der Toilettenpausen von Spielern genommen wurden, die gerade einen Satz verloren hatten.
Spieler, die nach einem verlorenen Satz auf der Toilette verschwanden, gewannen anschließend zu 47,5 Prozent den nächsten Satz. Ohne eine solche Pause war die Comeback-Quote fast 15 Prozentpunkte geringer.
Rhythm-Breaking funktioniert. Momentum-Kontrolle ist real. Und wer das Tempo eines Matches bestimmt, bestimmt meistens auch dessen Ausgang.
Zverev tat genau das in New York. Indem er seine Gegner im Unklaren ließ, wann der Ball nun mit 230 Kilometern pro Stunde auf sie zufliegen würde, zwang er dem Match sein Tempo auf. Und verhinderte damit im Finale auch das, worauf Shelton spekuliert hatte: vom US-Publikum zum ersten Grand-Slam-Titel eines US-amerikanischen Mannes seit 2003 gepusht zu werden.
Zverev, Nadal, Djokovic: Das Regelwerk kann nicht mithalten
Es wäre nicht das erste Mal, dass das Regelwerk angepasst wird, weil Topspieler es ausreizen.
Die „New York Times“ schrieb mal über Rafael Nadal:
„Der jamaikanische Sprinter Usain Bolt kann die 200 Meter in derselben Zeit zurücklegen, die der spanische Tennisspieler Rafael Nadal benötigt, um manche seiner Punkte zu beginnen.“
Erst 2018, zu Nadals ausdrücklichem Missfallen, wurde eine „Shot Clock“ eingeführt – 25 Sekunden, sichtbar für alle. Braucht ein Spieler länger, wird er verwarnt.
Das Problem: Die Shot Clock gilt nur für den ersten Aufschlag. Wie viele Sekunden zwischen erstem und zweitem Aufschlag liegen dürfen, ist nicht vorgegeben. Eine Lücke im Reglement, die Zverev in New York gnadenlos ausnutzte.
Ben Shelton, der Finalgegner, forderte bereits eine Regeländerung:
„Man sollte nicht unbegrenzt Zeit haben. Für unseren Sport, für unsere Fans ist es hart, so lange rumzusitzen, bis wieder etwas passiert.“
Boris Becker schloss sich an.
Es ist nicht auszuschließen, dass sich Zverev bald im Regelwerk verewigt sieht, so wie Nadal mit der Shot Clock und Tsitsipas mit der Drei-Minuten-Toilettenregel.
14,72 Millionen Dollar, zwei Grand Slams, null Entschuldigungen
Während die Debatte über Auftitscher und Psychotricks tobt, hat Zverev still und leise ein historisches Jahr gespielt. French Open. US Open. Wimbledon-Finale. In Bezug auf Prize Money allein hat er 2026 mit 14,72 Millionen Dollar mehr verdient als jeder andere Tennisspieler auf der Tour, mehr als Weltranglisten-Erster Jannik Sinner (11,62 Millionen Dollar).
Vor Brad Pitt, Pierce Brosnan und Lindsey Vonn auf den Tribünen des Arthur Ashe Stadiums präsentierte sich Zverev abgeklärt wie nie. Nach 3:33 Stunden vollendete er den Triumph mit seinem ersten Matchball und realisierte seinen Sieg erst mit einigen Momenten Verzögerung, weil er so tief im Tunnel war.
„Er gewinnt zum ersten Mal die US Open und merkt’s nicht – bemerkenswert“,
sagte Becker. „Das ist die Szene des Jahres für mich im Sport.“
Zverev selbst erklärte:
„In dem Moment war ich total fokussiert. Ich habe überhaupt nichts gehört. Ich war in so einer Art Tunnel, wo ich einfach nichts mehr wahrgenommen habe.“
Die harte Wahrheit über Fokus, Rituale und mentale Stärke
Hier ist, was die meisten Menschen beim Zverev-Debatte verpassen:
Das Ballgetitsche ist nicht das Problem. Das Ballgetitsche ist das Symptom. Es ist das sichtbare Zeichen eines Mannes, der so tief in seiner eigenen mentalen Welt ist, dass er den Lärm von 23.000 Zuschauern ausblendet. Der so fokussiert ist, dass er seinen eigenen Grand-Slam-Sieg nicht sofort registriert.
Djokovic sagte 2012 über seine eigene Titscher-Angewohnheit: „Ich konnte meine Hand nicht mehr stoppen.“ Wie ein Roboter habe er automatisch angefangen, unkontrolliert den Ball auf den Boden springen zu lassen. Das wieder abzustellen sei für ihn „sehr hart“ gewesen.
Das ist keine Schwäche. Das ist Autopilot auf höchstem Niveau.
Die Männer, die in entscheidenden Momenten funktionieren, sind nicht die, die am meisten nachdenken. Sie sind die, die so viel trainiert haben, dass ihr Körper ohne Nachdenken das Richtige tut.
Zverev hat 12.040 Mal getitscht. Und zweimal in drei Monaten einen Grand Slam gewonnen.
Vielleicht sollte die Frage nicht lauten: Warum titscht er so viel?
Vielleicht sollte die Frage lauten: Was machst du 12.040 Mal – und wozu?
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