Breakout-Kandidaten zu finden ist eigentlich einfacher als gedacht. Jedes NFL-Team hat zu jedem Zeitpunkt vier bis fünf davon. Was schwieriger ist: sich auf einen pro Team festzulegen. Genau das hat ESPN versucht, mit einer Liste von 32 Spielern, einem pro Franchise, ohne Rookies. Die Regel dabei lautet: Wer noch kein einziges NFL-Spiel absolviert hat, kann keinen Durchbruch feiern. Was die Liste interessant macht, ist nicht die Vorhersagbarkeit, sondern die Mischung aus entwicklungsfähigen Talenten, unterschätzten Mittelrunden-Picks und frühen Erstrundenpicks, an die fast niemand mehr glaubt.
Die Daten hinter den Namen

Manche Zahlen auf dieser Liste sprechen für sich. Zach Frazier von den Pittsburgh Steelers etwa hatte laut NFL Next Gen Stats eine QB-Pressure-Rate von nur 2,7 Prozent in der vergangenen Saison, der beste Wert aller Offensive Linemen mit mindestens 300 Snaps. Zum Vergleich: Centers gelten gemeinhin als geschützte Position durch häufige Doppelblockierungen, doch Frazier lag in der One-on-One-Rate auf Platz fünf hinter etablierten Stars wie Tyler Linderb aum und Aaron Brewer. ESPN-Daten zeigen zudem, dass Pittsburgh unter Frazier alle gängigen Run-Konzepte im Ligadurchschnitt ausführte, was für einen Center auf Rookie-Vertrag bemerkenswert ist.
Ashton Jeanty liefert einen anderen Typ von Zahl. Der Running Back der Las Vegas Raiders erzielte in der vergangenen Saison 1,26 Yards vor Kontakt pro Lauf, der 734. Wert von 737 ausgewerteten Running-Back-Saisons seit 2010. Reine Regression zur Mitte legt nahe, dass Jeanty 2026 deutlich leichtere Bedingungen haben wird, unabhängig vom neuen Schema oder der Verpflichtung von Tyler Linderb aum. Dazu kamen 2,4 Yards nach Kontakt pro Lauf, Platz acht unter allen Backs der Liga. Das Fundament ist vorhanden.

Luther Burden III von den Chicago Bears bringt eine andere Art von Beleg mit. Seine 2,92 Yards per Route Run als Rookie teilt er sich mit A.J. Brown als besten Rookie-Wert der vergangenen 15 Jahre. Burden war zu Beginn der Saison 2025 vor allem Screen-and-Shot-Spieler, arbeitete sich aber unter Coach Ben Johnson in Crosser- und Underneath-Routen vor. Mit DJ Moore abgegangen und Rome Odunze, der von einer Fußverletzung zurückkommt, ist der Weg frei.
Positionswechsel, Systemwechsel, zweite Chancen
Ein wiederkehrendes Muster auf der Liste: Spieler, die in einer neuen Rolle oder einem neuen System aufblühen. Jared Wilson von den Green Bay Packers gewann als Rookie einen Startplatz, allerdings auf der falschen Position. Der Drittrundenauswahl spielte als Left Guard, obwohl seine natürliche Position Center ist. Nach dem Trade von Garrett Bradbury gehört ihm der Platz nun. Wilson bringt Schnelligkeit, Balance und Spieltempo mit, die moderne Centers brauchen, um Teil des Laufspiels zu werden.
T’Vondre Sweat kam per Player-for-Player-Trade von den Tennessee Titans zu den New York Jets, ein seltenes Format ohne Pick-Beteiligung. Die Jets gaben Jermaine Johnson II ab, die Titans holten einen Edge Rusher zurück zu Robert Saleh. Sweat ist ein explosiver Athlet bei 166 Kilogramm, dessen Einsatz gelegentlich nachlässt. Aaron Glenn gilt als Trainer, der genau diesen Typ Spieler motiviert. Defensive-Tackle-Durchbrüche kommen laut ESPN typischerweise im dritten oder vierten Jahr, und Sweat ist genau dort.

Tyson Campbell steht exemplarisch für die zweite Chance. Nach einem Vier-Jahres-Vertrag über 76,5 Millionen US-Dollar in Jacksonville, einer Hamstring-Verletzung 2024 und dem Trade nach Cleveland 2025 spielt er nun als Nummer zwei hinter Denzel Ward. In Cleveland wurde er näher an der Line of Scrimmage eingesetzt und bekam ein simpleres Coverage-Menü. Für eine Browns-Defense, die ohne Myles Garrett auskommen muss, ist dieses Cornerback-Duo entscheidend.
Die unwahrscheinlichsten Namen auf der Liste
Terry McLaurin ist der offensichtlichste Kurvenball. Der Wide Receiver der Washington Commanders wird im September 31 Jahre alt, hatte fünf aufeinanderfolgende 1.000-Yards-Saisons von 2020 bis 2024 und ist seit Jahren als solider Nummer-eins-Receiver bekannt. Wie bricht man mit 31 durch? Indem man eine Karriere-Saison spielt. McLaurin lag in der vergangenen Saison auf Platz sieben in Yards per Route (2,56), aber nur auf Platz 18 in Targets per Route. Gerade einmal 16,8 Prozent seiner Yards entstanden nach dem Catch, Platz 100 in der NFL. In David Bloughs Offense, die ihn deutlich mehr durch die Formation bewegen soll als Kliff Kingsburys System es tat, könnte McLaurin erstmals die 100-Receptions-Marke knacken.

Keyon Martin von den Baltimore Ravens ist der tiefste Schnitt der Liste. Der Undrafted Free Agent von 2025 spielte die meisten Snaps als Dime Corner und blitzte häufig. Mit 1,75 Metern und 77 Kilogramm ist er untergroß für einen NFL-Corner, aber neuer Coach Jesse Minter war als Defensive Coordinator der Los Angeles Chargers komfortabel mit kleineren Corners. Schnelle Augen und schnelle Füße in Zone Coverage sind Minters bevorzugte Eigenschaften. Martin hat sie.
Erick All Jr. von den Cincinnati Bengals hat noch keine Snap in der Saison 2025 absolviert, weil er nach einem ACL-Riss in Woche 9 der Saison 2024 die gesamte folgende Saison rehabte. Dieselbe Verletzung hatte er schon im College erlitten, was die Erholung verlängerte. Trotzdem gilt er bei den Bengals als Kandidat für die Startposition. Coach Zac Taylor sagte über ihn: „Neben dem Wort physisch im Wörterbuch ist ein Bild von Erick All, der versucht, sein Gesicht durch jemandes Seele zu drücken.“ All hatte in fünf der neun Spiele seiner Rookie-Saison mehr Snaps als Incumbent Mike Gesicki.
Was die Muster zeigen
Betrachtet man alle 32 Namen zusammen, fällt auf: Defensive Tackles sind überproportional vertreten. Neben Sweat, Wilson, Frazier, Jeanty und Burden tauchen Ruke Orhorhoro (Jacksonville), Darius Alexander (New York Giants), Walter Nolen III (Arizona Cardinals), Jamaree Caldwell (Los Angeles Chargers), Eyioma Uwazurike (Denver Broncos) und T.J. Sanders (Buffalo Bills) auf. Das ist kein Zufall. Durchbrüche auf dieser Position kommen systematisch später als bei Skill-Positions, oft erst im dritten oder vierten Jahr, und sie sind schwerer zu sehen, weil die Statistiken weniger sichtbar sind als Touchdowns oder Receiving Yards.
Nohl Williams bei den Kansas City Chiefs illustriert eine andere Logik: Der Drittrundenauswahl 2025 hatte als Rookie „plenty of splashy moments against legitimate NFL receivers“, wie ESPN schreibt, und seine Arbeit gilt intern als Mitgrund, warum die Chiefs sowohl Trent McDuffie als auch Jaylen Watson ziehen ließen. Er ist nicht der Kandidat, den die meisten auf dem Schirm haben. Er ist der, der den Job schon halb gemacht hat.
AJ Barner von den Seattle Seahawks ist vielleicht die präziseste Einordnung der ganzen Liste. ESPN nennt ihn „ein rabattierter George Kittle“, was kein kleines Urteil ist, und weist darauf hin, dass Kittles ehemaliger Tight-Ends-Coach Brian Fleury nun Barners Offensive Coordinator ist. 52 Catches, 519 Yards, sechs Touchdowns in einer Super-Bowl-Saison, ohne dass sein Name wirklich fiel. Das ist genau das, was einen Breakout-Kandidaten ausmacht: die Leistung war schon da. Die Aufmerksamkeit noch nicht.
Quellen: ESPN
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